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Die Dauerausstellung des Schmuckmuseums Pforzheim umfasst Exponate aus fünftausend Jahren - von der Antike bis zur Gegenwart. Auch ethnografischer Schmuck, eine bedeutende Ringsammlung sowie eine Taschenuhrensammlung sind zu sehen. Darüber hinaus präsentiert eine Abteilung die Geschichte der Schmuckindustrie in der Goldstadt.

Von der Antike bis zur Gegenwart

Historische und moderne Sammlung des Schmuckmuseums

Die ältesten Stücke stammen aus dem dritten Jahrtausend vor Christus, einer Epoche, in der Schmuck noch eng mit magischen und mythischen Prinzipien verbunden war.

Etruskische Goldschmiede führten um 600 v. Chr. die Technik der Granulation zu höchster Perfektion, bei der winzige Kügelchen zur Zier aufgebracht werden. Davon legen im Schmuckmuseum strahlend schöne Zierscheiben Zeugnis ab. Auch griechische Schmuckstücke aus klassischer und hellenistischer Zeit sind berühmt für ihr künstlerisches und handwerkliches Niveau. Ein besonderes Exponat dieser Epoche ist ein Schlangenarmreif, dessen Leiber sich zum Heraklesknoten winden. Er galt als unheilabwehrendes Amulett.

Im byzantinischen Reich entstand erstmalig Schmuck mit christlicher Symbolik. Zur Zeit der Völkerwanderung entwickelten sich wiederum neue Formen, indem die germanischen Völker ihre Traditionen mit denen der vorgefundenen Kulturen verbanden. Das belegen zum Beispiel ostgotisch-pannonische Gewandspangen, die nach Oberitalien „mitgewandert“ sind. Im Mittelalter stand die Goldschmiedekunst hauptsächlich in den Diensten des Adels und der Kirche. Aus dieser Epoche sind nur wenige Schmuckstücke erhalten.

Das 16. Jahrhundert leitete für die Schmuckkunst Europas eine vom Mittelalter grundverschiedene, lang anhaltende Blütezeit ein. Adel und wohlhabendes Bürgertum entwickelten eine bisher nicht gekannte Neigung zu Luxus und prächtiger Repräsentation und trugen Schmuck aus Edelsteinen, Perlen und Email in der renaissancetypischen Farb- und Formgebung. Dieses Spiel der Farben und Edelsteine blieb auch im Barock bestehen. In dieser Zeit war der Siegeszug des Diamanten nicht mehr aufzuhalten. Sein Schliff wurde seit den Anfängen seiner Bearbeitung im 14. Jahrhundert immer raffinierter, so dass Brustschmuck, Broschen und Ringe noch strahlender zur Geltung kamen.

Nach der Französischen Revolution dauerte es nur wenige Jahre, bis sich das Verlangen nach Schmuck erneut durchsetzte. Geprägt von klassizistischen Vorstellungen entstand eine neue Schmucksprache. Davon legen zahlreiche Schmuckgruppen aus von der Form her schlichten, doch sorgfältig aufeinander abgestimmten Diademen, Zierkämmen, Broschen, Armbändern und Ohrgehängen Zeugnis ab. Mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts und seinen Bildungsreisen zu antiken Stätten kam der Wunsch nach „Souvenir-Schmuck“ auf. So entstanden in Rom und Neapel zahlreiche Miniaturmosaike von Sehenswürdigkeiten in Schmuckform.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machten sich Juweliere wie die Gebrüder Castellani einen Namen mit historistischem Schmuck, der Elemente aus Antike mit Formen des Mittelalters und der Renaissance verbindet. Zeitgleich entstand der Naturalismus: der Versuch naturgetreuer Darstellung, ohne die Natur idealisiert wiederzugeben. Ein Beispiel für diesen Stil ist eine große Brosche, deren Diamantblüten so montiert sind, dass die Bewegungen der Trägerin sie erzittern und durch die Lichtreflexe noch mehr strahlen lassen.

Auch der Jugendstil fand seine Vorbilder in der Natur: Mensch, Tier und Pflanze dienten in ornamentaler Verwandlung als Motive. Überragender Schmuckgestalter und zugleich Erneuerer der Schmuckkunst jener Zeit ist der Franzose René Lalique. Zeugnisse seiner Kunst sind eine Brosche mit Chrysanthemenblüten aus gegossenem Glas oder ein Diadem mit einem Wellenband aus Perlen. Ähnlich bedeutend war Georges Fouquet. Das kommt beispielsweise in seinem Brustschmuck „Poisson“ zum Ausdruck, dessen Fischleib aus einem einzigen, großen Perlmuttstück besteht. Daneben sind die Arts and Crafts-Bewegung aus England und deutsche Zentren des Jugendstils im Schmuckmuseum dokumentiert, darunter Darmstadt mit der Künstlerkolonie Mathildenhöhe, München und – auf den Schmuck bezogen – Pforzheim. In den 1920er und 30er Jahren des Art Déco gaben die Schmuckmacher dem strengen Raffinement in Gestaltung und Materialauswahl den Vorrang. So war Bergkristall sehr geschätzt, was ein Armreif von René Boivin belegt.

Ab den frühen 1950er Jahren wird im Schmuck eine andere Auffassung, ein anderes Selbstverständnis der Goldschmiede sichtbar: Sie suchen neue, am Individuum orientierte Wege. Stücke zunächst aus den vertrauten edlen Metallen, aber beispielsweise mit rauer Oberfläche, und allmählich aus immer vielfältigeren Materialien bis hin zu Plastik, in neuen Formen und mit ungewohnten Materialkombinationen. Obwohl nicht für die Vitrine, sondern für den Menschen geschaffen, haben viele moderne Schmuckstücke den Weg ins Museum gefunden, wo sie diese künstlerische und gesellschaftliche Auseinandersetzung widerspiegeln. 

Aus aller Herren Länder - ethnografischer Schmuck aus der Sammlung Herion

Wie schmücken sich Menschen außereuropäischer Kulturen? Welche Bedeutung hat Schmuck bei ihnen? Was zeichnet ihn aus? Einblick in Zusammenhänge wie diese gibt die ethnografische Sammlung von Eva und Peter Herion im Schmuckmuseum Pforzheim. Das Sammlerehepaar hat in mehr als 30 Jahren Schmuck aus Afrika, Asien und Ozeanien zusammengetragen und als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Davon sind Objekte aus Papua Neuguinea, dem indischen Nagaland und Namibia zu sehen.

In der Inselwelt Ozeaniens finden sich viele traditionelle Formen von Schmuck, aus Materialien wie Pflanzenfasern und Holz, Muscheln und Federn gestaltet. Dazu zählt ein Halsschmuck aus Eberzähnen aus Papua Neuguinea. In einer Gesellschaft, in der Schweine als Statussymbol gelten, bringt er die Stellung des Besitzers zum Ausdruck. Insgesamt haben viele frühe Schmuckarten mehrfach Bedeutung – magisch und rituell sowie als Zeichen der Hierarchie.

Der indische Bundesstaat Nagaland befindet sich im äußersten Südosten Indiens. Die kulturellen Unterschiede der verschiedenen Ethnien in diesem Landesteil sind groß. Das kommt auch sprachlich, in eigenständigen Dialekten zum Ausdruck. Einige Nagastämme waren bis weit ins 20. Jahrhundert als Kopfjäger gefürchtet. In der Ausstellung ist der Halsschmuck eines Mannes der Konyak-Nagas mit seinen symbolischen Trophäen zu sehen. Ein Teil der verarbeiteten Materialien stammt von weither. So wurden die Muscheln meist aus dem etwa 500 Kilometer entfernten Golf von Bengalen importiert. Die Verwendung von Kauri-Muscheln gibt Auskunft über den Wohlstand des Trägers, da die Muschelschnecken einen großen materiellen Wert hatten.

Aus dem nördlichen Namibia zeigt die Sammlung Schmuck der Himba, halbnomadische Hirten, die im Kaokoland leben. Charakteristisch für Himba-Frauen ist, dass sie ihren Körper mit einer Creme aus ranzigem Butterfett, Ockerfarbe und dem aromatischen Harz des Omuzumbastrauches einreiben, so dass ein intensiver rötlicher Glanz entsteht. Ihr Schmuck besteht aus Muscheln, Leder, Eisen, Kalbsohren oder Butterfett - wie beispielsweise die ausgestellte Hochzeitshaube – und wird von der Mutter an die Tochter weitergegeben. Muscheln sind bei den Himbas hoch geschätzt und werden aus Angola eingeführt.

 

Zeitmesser als Zier - Schmuckuhren und Sammlung Philipp Weber

Das Schmuckmuseum Pforzheim beherbergt eine kostbare Kollektion an Taschen-, Armreif-, Hals- und Ringuhren, in deren Zentrum die Uhr als schmückendes Accessoire steht. Bis zum 18. Jahrhundert war der Prestigewert einer Uhr höher als der Gebrauchswert der technisch noch nicht ausgereiften Zeitmesser. Sie war Schmuckstück, mit dem der Träger seinen Rang in der Gesellschaft dokumentieren und seinen Geschmack zeigen konnte. Handwerks- und Ziertechniken der Gehäusemacher waren die gleichen wie die der Goldschmiede.

Eine um 1770 entstandene Uhr, die aus der Werkstatt des Uhrmachers Pierre Viala stammt, ist für Pforzheim von historischer Relevanz: Pierre Viala war der in Genf gebliebene Bruder des Uhrmachers Jean Viala, der zusammen mit anderen Entrepreneurs aus Frankreich und der Schweiz zu den Begründern der Pforzheimer Uhren- und Schmuckindustrie gehörte. 1767 hatte Markgraf Karl Friedrich von Baden das Privileg zur Errichtung der ersten Manufaktur zur Herstellung von Uhren in Pforzheim verliehen. Dies dehnte er bald auf die Fertigung feiner Stahlwaren, Juwelen und Kleinodien aus. Die Zukunft Pforzheims, als Schmuck- und Goldstadt international Bedeutung zu erlangen, nahm ihren Anfang also mit der Uhr.

Seit 2006 sind im Schmuckmuseum zudem Taschenuhren aus der Sammlung Philipp Weber zu sehen, einer Dauerleihgabe der Sparkasse Pforzheim Calw. Weber war ein Pforzheimer Uhrenfabrikant, der auch Uhren sammelte. Mit seinem Sohn Werner trug er seit Anfang der 1950er Jahre bis zu seinem Tod 1962 Taschenuhren aus rund vier Jahrhunderten zusammen, aus der Zeit von 1550 bis 1923. Ausgehend von ästhetischen und kunsthistorischen Kriterien, präsentiert das Schmuckmuseum eine Auswahl davon. Sie stammen von so bedeutenden Uhrmachern wie Berthoud, Breguet oder Graham. Auch Uhren für den chinesischen oder osmanischen Markt sind zu sehen, eine Traueruhr oder eine Taschenuhr mit erotischem Automaten. Die Mehrzahl stammt aus dem 18. Jahrhundert. Es war Philipp Webers Wunsch, dass die Sammlung unter seinem Namen für die Pforzheim erhalten bleibt. Dies ist durch den Ankauf der Stiftung der Sparkasse Pforzheim Calw gelungen.

Philipp Weber gründete 1923 mit dem Schweizer Jakob Aeschbach die Armbanduhren-Fabrik Weber&Aeschbach. Ein Jahr später ließ er seine eigene Fabrikmarke Arctos eintragen, die sich in den Nachkriegsjahren im Firmennamen wiederfindet: Arctos-Uhrenfabrik Philipp Weber. Dort gelang 1971 der Prototyp der ersten deutschen Quarzarmbanduhr, die im Folgejahr als Arctos-Quartz in Serie ging. Ein Exemplar davon ist im nahegelegenen Technischen Museum der Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie zu sehen.